Lucas Cramer
Dirk H. Fröse
Thomas Rothschild


Lucas Cramer
Die bisher kurioseste Produktion der deutschen Jazz-Avantgardisten kommt aus der Mierendorffstraße zu West Berlin.
Hanns Eislers „Einheitsfrontlied“ mit der agitatorischen Zeile „Reih’ dich ein in die Arbeitereinheitsfront, weil auch du ein Arbeiter bist“ ist von Westdeutschen tonangebenden Avantgarde-Trio Brötzmann, Van Hove und Bennink akustisch aufbereitet worden. Das „stolze Klassenlied“ (so SED-Zentralorgan „neues Deutschland“) wird in Jazzmanier geblasen, die bislang esoterischen Experimenten vorbehalten waren. Nur beim Refrain, „weil auch du ein Arbeiter bist“, fängt Brötzmann an zu blasen wie einst Sidney Bechet mit seligem Vibrato.
Mit diesem „Einheitsfrontlied“ zieht die kleinste Musikproduktion im Lande Aufmerksamkeit auf sich, zumal das Eisler-Opus in West-Berlin zu einem regelrechten Verkaufsrenner wurde. Als der Wuppertaler Saxophonist Peter Brötzmann vor Jahren damit anfing, den mittlerweile Patina ansetzenden Jazz in seine Bestandteile aufzulösen, gab niemand einen Pfifferling für die kommerzielle Gängigkeit dieses Jazz-Masochismus.
Mittlerweile haben sich die Neutöner zu einer Firma zusammengetan: die Free Music Production (FMP). Diese Produktion ist ein Musikerkollektiv auf Gesellschafterbasis. Gleichberechtigte Geschäftsträger sind die Musiker Brötzmann, Gebers, Kowald, Schlippenbach und Schönenberg. Sitz: West-Berlin.
Bislang hat die, wie sie sich selbst nennt, Non-Profit-Organisation zehn Langspielplatten, eine mittlere und eben die kleine Eisler-Platte mit dem Einheitsfrontlied publiziert. Bei den Langspielplatten überwiegt Brötzmann mit seinen Musikerkollegen Van Hove und Bennink. Aber auch Albert Mangelsdorff, Christmann, Schoof, Rutherford, Niebergall und andere Avantgardisten sind mit im Bunde. Bis zum Frühjahr 1974 sind weitere fünf Platten geplant.
aus: Frankfurter Rundschau, 6. Oktober 1973


Dirk H. Fröse
Das ist die erste Single-Platte der Free Music Production (FMP). Soweit sie als spezielles Angebot für linke Berliner Kneipen konzipiert ist, erfüllt sie schon ihren Zweck. Man kann eine Platte auflegen, wie man sich ein Abzeichen ansteckt oder ein Fähnchen schwenkt. Das Hanns-Eisler-Lied eignet sich dazu. Was die Brötzmänner sich über das betont schön unschön dargebotene Lied hinaus zusammenimprovisieren, ist keineswegs schlechter gemacht als andere Titel im neuerdings aufgelockerten und zugänglicheren Angebot dieses prächtigen Trios. Wie weit sich mit der insgesamt kompromisslosen Spielhaltung der FMP-Musiker Hits, also Ohrwürmer, machen lassen, wäre noch zu erproben. An dem Knopf drehen die freigespielten Pop-Leute schon viel länger.
aus: Jazz Podium # 11, November 1973


Thomas Rothschild
Auf der Eisler-Tagung im Dezember vergangenen Jahres spielte die Frage, wie Eisler heute aufzuführen sei, eine entscheidende Rolle und führte zu einer heftigen Kontroverse. In der Tat besteht die Gefahr, dass Eisler zu einem Denkmal erhoben wird, einem Klassiker, dem Werktreue zu halten ist, bis übers Grab hinaus. Eisler selbst wäre solch eine Haltung gewiss zuwider gewesen. So ist es legitim, wenn ein paar Musiker des Free Jazz das „Einheitsfrontlied“ neu interpretieren. Ihre Version lässt sich auch gut und durchaus Eislerisch an. Was folgt ist allerdings der extreme Gegenpart zu manchen preußisch-zackigen Aufnahmen von DDR-Chören. Diese Bearbeitung des Einheitsfrontliedes verhält sich zur Eislerschen Partitur wie der Fraktionenkampf zahlreicher linker Grüppchen zur Einheitsfront.
aus: Frankfurter Rundschau, 20. April 1974


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